Halbzeit in der Premier League. Der Liverpool FC ist Tabellenführer, während die Konkurrenz Punkte liegen lässt. Momentan leistet man sich im Kampf um den Titel ein Duell mit dem Arsenal FC und Aston Villa. Im Vergleich zur letzten Saison hat das Team von Jürgen Klopp satte 13 Punkte mehr auf dem Konto. Warum das Team auf dem Weg zum Meistertitel ist und warum es am Ende vielleicht doch nicht klappen könnte.

Die Abwehr als Prunkstück

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16 Gegentore, sieben Zu-Nullspiele. Liverpools Verteidigung spielt auf einem unfassbar hohen Niveau und bildet momentan die beste Defensive der Liga. Die defensive Stabilität, die das Team von Jürgen Klopp im Vergleich zur Vorsaison hat, wo man am gleichen Spieltag insgesamt neun Gegentreffer mehr schlucken musste, ist ein Zeugnis dafür, wie gut man im Sommer auf dem Transfermarkt gehandelt hat, wie groß der Impakt eines fitten van Dijks ist und wichtig es ist, dass man einen Weltklasse-Torhüter hat.

Pro Spiel kassiert Alisson weniger Gegentore als es der xG Wert voraussagt. Der Brasilianer gewinnt für das Team von Jürgen Klopp Spiele und ist vermutlich in der Form seines Lebens. Aber auch die Reihe vor ihm macht einen stabileren Eindruck als noch in der Vorsaison. Liverpool kassierte in den letzten vier Partien lediglich vier Schüsse aufs Tor – Burnley schaffte es sogar kein einziges Mal, Alisson in Bedrängnis zu bringen.

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Virgil van Dijk ist auf einem neuem Leistungspeak angekommen und so vermutlich der beste Verteidigungspartner für die weitere Entwicklung von Ibrahima Konaté und Jarell Quansah. Und fehlte im Mittelfeld in der Vorsaison noch oftmals das Tempo im Gegenpressing, ist Dominik Szoboszlai im Mittelfeld als Pressingmonster elementar wichtig. Jürgen Klopp hat für das intensive Spiel, vor allem im Mittelfeld das richtige (neue) Personal und damit auch eine neue Balance gefunden, die defensiv eine neue Stabilität schafft.

Intrinsisches Wachstum als Schlüssel

Etwa 170 Mio. gab der Verein im vergangenen Sommer aus. Dominik Szoboszlai spielte gerade in den ersten Saisonwochen groß auf, Wataru Endō etabliert sich momentan zum Publikumsliebling, auch Alexis Mac Allister wird nach seiner Verletzung vermutlich wieder zum Stammpersonal im Mittelfeld von Jürgen Klopp zählen. Die Neuzugänge schlagen ein und sind maßgeblich daran beteiligt, dass Liverpool im Titelrennen eine Rolle spielt.

Liverpools japanischer Mittelfeldspieler, Wataru Endo, feiert nach dem Erzielen des dritten Tores während des englischen Premier League Fußballspiels zwischen Liverpool FC vs. Fulham FC in Anfield in Liverpool, am 3. Dezember 2023.
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Die Entwicklungssprünge innerhalb des Teams, gerade bei den Spielern, die schon seit Jahren im Verein sind, sind allerdings für keine Millionen der Welt zu kaufen. Das Team lebt momentan auch vom intrinsischen Wachstum. Dafür sinnbildlich steht momentan vermutlich Joe Gomez. Der 26-Jährige erlebt nach der Meistersaison seine beste Zeit im Trikot der Reds. Seine Flexibilität ist momentan der Schlüssel zum Erfolg. Er ist sowohl Backup von Trent Alexander-Arnold hinten rechts, aber auch gleichzeitig die erste Option für die linke Außenbahn, gerade nach der Verletzung Andrew Robertson und Kostas Tsimikas.

Bei Joe Gomez wusste man, was er kann. Ein Grund, warum Liverpool mit ihm verlängerte. Und das, obwohl ihm die letzten Saisons die Konstanz verletzungsbedingt abhandengekommen. Jarell Quansah hingegen begeistert als Sprössling aus der Akademie, momentan Trainer und Fans. Er ist ein Paradebeispiel dafür, wie man aus dem Schatten der Stammspieler Talente hervorbringen kann. Quansahs körperliche Präsenz und sein unaufgeregtes Spiel sind beeindrucken. Dieser Sprung in der Entwicklung hat kaum einer von außen vorausgesehen. Nach der Verletzung von Joel Matip ist der 20-jährige Innenverteidiger Nummer vier und zahlt das Vertrauen für seine Startelf-Einsätze in der Liga sowie Europa League komplett zurück. In den letzten 8 Partien, in denen er in der Startelf stand, hat er sieben-Mal die meisten Pässe aller Feldspieler gespielt. Das ist für seine Position und gerade in seinem Alter außergewöhnlich – zudem bringt er im Durchschnitt 87 % der Bälle an den Mann.

Quansah im Spiel Toulouse FC gg. Liverpool FC: Group E - UEFA Europa League 2023/24
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Auch Curtis Jones konnte seine gute Form aus dem letzten Drittel der vergangenen Saison bestätigen, belohnte sich kurz vor Weihnachten sogar mit einem Doppelpack gegen West Ham im Carabao Cup. All das ausgegebene Geld im Sommer wäre nichts wert, wenn das vorhandene Personal sich nicht so weiterentwickeln  würde, wie es das bisher tut.

Der Afrika- und Asien-Cup als Knackpunkt?

Im Januar und Februar werden die besten Mannschaften Afrikas und Asiens ausgespielt. Mit dabei natürlich Mohamed Salah (Ägypten) und Wataru Endō (Japan). Beide werden Liverpool in diesen Turnierwochen nicht zur Verfügung stehen. Endōs Ausfall nach den letzten Wochen ist enorm schmerzhaft. Mit dem Japaner in der Startelf kassiert Liverpool weniger Torschüsse (2,7 zu 4,2 pro 90 min.) und kassiert weniger Gegentore (3 bei 7 Startelf-Einsätzen zu 12 bei 12 Spielen ohne Startelf-Einsatz). Der Einfluss des Japaners auf das Spiel von Jürgen Klopp ist enorm. Wurde Liverpool im Sommer für das Transferdesaster um Moisés Caicedo und Roméo Lavia belächelt, hat man mit dem Japaner jemanden gefunden, der einem nach einer kurzen Anpassungszeit faktisch weiterhilft. Der Ausfall Endōs im Mittelfeld wird schmerzen – Alexis Mac Allister wird die Rolle als defensiven Sechsers, wie schon in den ersten Saisonwochen, vermutlich wieder übernehmen.

Und dann ist da noch Liverpools Topscorer, der die Reds gen Afrika-Cup ab Mitte Januar verlassen wird.

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Mit 19 Scorer-Punkten in 19 Ligapartien zeigt sich auch der Ägypter als unentbehrlich für den Liverpooler Angriff. Von Flirtgedanken im Sommer, wo diverse Klubs aus Saudi-Arabien an ihm interessiert gewesen sein sollen, merkt man nichts. Er ist Liverpools bester Angreifer, das belegen nicht nur die reinen Zahlen. Der Verein ist darauf angewiesen, dass andere Spieler die Abwesenheit als Chance nutzen und in die Bresche springen. Harvey Elliott ist nach den vergangenen Wochen vielleicht die naheliegendste Option.

Luis Díaz befindet sich weiterhin im Formtief, ist aber auch nur auf dem linken Flügel beheimatet. Darwin Núñez findet man auch eher im Sturmzentrum sowie Linksaußen. Diogo Jota und Cody Gakpo sind auch nicht auf dem rechten Flügel beheimatet, könnten die Position sicherlich aber auch bekleiden.

Harvey Elliott und Curtis Jones von Liverpool FC teilen einen Moment purer Freude, indem sie sich auf dem Spielfeld nach einem erfolgreichen Spiel umarmen.
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Es bleibt abzuwarten, wie Liverpool ohne Mohamed Salah und Wataru Endō auskommen wird. Sollte Ägypten und Japan bis ins Finale ihres jeweiligen Cups kommen, werden die beiden unter anderem die Topspiele gegen den die Gunners und den Blues verpassen. Ein frühes Ausscheiden würde auch eine frühere Rückkehr zu den Reds bedeuten.

Formtiefs und Verletzungen

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In Anbetracht der Tatsache, dass man in der Premier League Tabellenführer und auch in allen anderen Wettbewerben teilweise über dem Soll ist, ist die Kritik an einigen Spielern sicher Meckern auf hohem Niveau. Luis Díaz erlebt mit sieben Torbeteiligungen in 23 Partien eine bescheidene Saison. Sein Impakt auf das Spiel ist gering, seine Spritzigkeit und Lockerheit aus der vergangenen Saison ist kaum noch vorhanden. Vermutlich hat die Entführung seiner Eltern einen großen Teil dazu beigetragen. Verständlicherweise.

Diogo Jota von Liverpool FC zeigt das Trikot von Luis Diaz, als er das Eröffnungstor gegen Nottingham Forest am 29. Oktober 2023 in Anfield feiert, Premier League.
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Täglich grüßt das Murmeltier auch beim Lazarett von Liverpool. Die letzten Jahre war der halbe Kader immer für Verletzungen anfällig. Und auch dieses Jahr muss Jürgen Klopp des Öfteren wegen Verletzungen umbauen. Die Verletzung von Andrew Robertson war ein früher Schlag ins Gesicht, der Schlüsselbeinbruch von seinem Vertreter Kostas Tsimikas kommt einem weiteren gleich. Der Kreuzbandriss von Joel Matip lässt sich nur auffangen, weil Jarell Quansah seinen Durchbruch erlebt. Curtis Jones verpasste schon sechs Spiele, Ryan Gravenberch zwei, Diogo Jota schon acht, Mac Allister bis dato sechs. Der Weltmeister trainiert allerdings glücklicherweise wieder mit dem Team, Jota gab ja bereits gegen den Burnley FC sein erfolgreiches Comeback. Liverpool muss die Verletzungen in den Griff bekommen, ansonsten wird es bei den zahlreichen Wettbewerben schwierig.

„Erstmal auf sich selbst schauen“ ist eine Floskel, die gerne im Fußball benutzt wird. Liverpool kann diesen guten Lauf fortsetzen, trotz all der Widrigkeiten. Dafür hat dieses Team schon in der Hinrunde viele Spiele gedreht und es wirkt, als seien die Mentalitätsmonster zurück. Doch die letzten Spiele zeigten auch die Unkonzentriertheit in der Offensive – zu viele Chancen werden liegen gelassen. All die genannten Faktoren spielen hier in den kommenden Wochen mit rein. Und dann wäre da noch die Doppel- und Dreifachbelastung durch die anderen Wettbewerbe.

Doch auch wenn die Floskel immer zutrifft, so hilft es natürlich auch auf die anderen Teams zu schauen, die fast alle viele Punkte in den letzten Wochen liegen gelassen haben. Ob Arsenal nach den kürzlichen Rückschlägen wieder an die Reds herankommt, weiß nicht mal deren Maskottchen. Und ob Aston Villa ihren fantastischen Lauf bis zum Ende der Saison durchhalten kann, wäre ein weiterer Faktor. Und dann wäre da noch Manchester City, die gerne in der Rückrunde oder viele Punktverluste durchrauschten in den letzten Saisons. Der 4.2. gegen Arsenal und der 9.3. gegen City sollten definitiv jetzt schon rot angestrichen werden. Und wer weiß, vielleicht ist ja der vorletzte Spieltag bei Aston Villa das entscheidende Spiel.

Geschrieben von Sönke Othersen | Artikelbild: PAUL ELLIS via Getty Images