Fußball kann wehtun – Fußball kann kaum geglaubte Emotionen auslösen. Manchmal liegen Pech und Glück so nah beieinander. Liverpool dreht in 1 min. und 21 sek. auf spektakuläre Art und Weise das Spiel gegen den FC Fulham und klettert auf Platz 2 der Premier League. Der Sieg weckt bei vielen Reds sicherlich Erinnerungen an alte Tage. In der Vergangenheit schaffte es das Team von Jürgen Klopp schon oft, Spiele in den letzten Minuten zu drehen. Diese Mannschaft weckt Erinnerungen an die vergangene Ära.

Neue Identität und die Sommertransfers zahlen sich aus

LIVERPOOL, ENGLAND - DECEMBER 03: Alexis Mac Allister of Liverpool scores the team's second goal during the Premier League match between Liverpool FC and Fulham FC at Anfield on December 03, 2023 in Liverpool, England.
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Was dieser Sieg vor allem zeigt ist, dass Liverpool schlechte Tage von Leistungsträgern verkraften kann. Díaz wirkte nicht ganz im Spiel integriert, aber auch Fulhams Außenverteidiger Antonee Robinson hatte Mo Salah extrem gut im Griff. Wenn die vorderste Reihe keinen guten Tag hat, kann jetzt Liverpools neues Mittelfeld übernehmen. Ja, die Wahrscheinlichkeit, dass Mac Allister, Endō und Trent Alexander-Arnold in dieser Art und Weise jedes Wochenende für Liverpool Spiele gewinnen, ist nahezu ausgeschlossen. Dennoch ist dieser Sieg auch darauf zurückzuführen, dass man im Sommer gute Transfers getätigt hat. Mac Allister hat in Brighton schon oft wichtige und schöne Tore gemacht. Endō rettete den VFB Stuttgart im Mai 2022 mit einem Tor in der Nachspielzeit vor dem Abstieg. Diese neue Gefahr aus dem Mittelfeld hat Liverpool das Spiel gerettet. Ein Oxlade Chamberlain mag man solche Tore auch zutrauen, bzw. hat er solche Tore auch schon im Dress der Reds gemacht, diese Zuverlässigkeit auf ein offensives und torgefährliches Mittelfeld, was den Sturm entlasten kann, ist neu. Aber auch Klopp selber macht gute Arbeit. Der Deutsche ist weg vom klassischen 4-3-3, Trents neue Rolle im Mittelfeld zahlt sich aus. Klopps neue Flexibilität zahlt sich aus.

Liverpool's German manager Jurgen Klopp reacts on the touchline to a goal from Liverpool's Argentinian midfielder #10 Alexis Mac Allister during the English Premier League football match between Liverpool and Fulham at Anfield in Liverpool, northwest England, on December 3, 2023. (Photo by Paul ELLIS / AFP) / RESTRICTED TO EDITORIAL USE. No use with unauthorized audio, video, data, fixture lists, club/league logos or 'live' services. Online in-match use limited to 120 images. An additional 40 images may be used in extra time. No video emulation. Social media in-match use limited to 120 images. An additional 40 images may be used in extra time. No use in betting publications, games or single club/league/player publications.
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Last Minute Liverpooler

So manch ein Fan kann diese Mentalität und Achterbahnspiele bekannt vorkommen. Gelangen doch in der Meistersaison 2019/2020 fast wie am laufenden Fließband Wendungen oder Last Minute Treffer. Wirkt das Team von Jürgen Klopp nach Rückständen oftmals so richtig angezählt und extra motiviert. Mittlerweile hat sich ein gewisser Glaube manifestiert. Die “Die drehen das eh noch” – Selbstverständlichkeit zeichnet erfolgreiche Teams seit Jahren aus. Jürgen Klopp ist ein Meister darin, dem Team eine Mentalität und das Selbstverständnis mitzugeben, womit man jedes Spiel drehen kann. Plätscherte die Partie gegen den FC Fulham in der zweiten Halbzeit weitestgehend vor sich hin, war es mal wieder der Gegner, der das Team von Jürgen Klopp wachgeküsst hat. Es wirkt so, als ob das Team noch einen extra Gang einschalten kann. Gegen die Wolves gelangen spät die Siegtreffer nach Rückstand, gegen Newcastle gelang ähnlich spektakulär spät die Wende oder auch gegen Brighton holte man noch einen Punkt nach Rückstand. Selbst in eher durchschnittlichen Partien kann Liverpool Spiele drehen und was Zählbares mitnehmen. Das „Nur so wird man Meister“ Zitat ist hier wohl angebracht wie bei keinem anderen Topteam in der Premier League. Ein Ausruhen auf die eigene Stärke und damit zwangsläufig verbundende Nachlässigkeit, sowohl offensiv als auch defensiv, darf damit allerdings nicht einhergehen.

Liverpool's English defender #66 Trent Alexander-Arnold (C) celebrates with teammates after scoring their fourth goal during the English Premier League football match between Liverpool and Fulham at Anfield in Liverpool, northwest England, on December 3, 2023. (Photo by Paul ELLIS / AFP) / RESTRICTED TO EDITORIAL USE. No use with unauthorized audio, video, data, fixture lists, club/league logos or 'live' services. Online in-match use limited to 120 images. An additional 40 images may be used in extra time. No video emulation. Social media in-match use limited to 120 images. An additional 40 images may be used in extra time. No use in betting publications, games or single club/league/player publications.
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Zwischen den Bewertungen liegen Welten

Jetzt mal ein wenig Konjunktiv: trifft Endō nicht vier Minuten nach seiner Einwechslung traumhaft, wäre der Turnaround wahrscheinlich nicht geschafft. Dann wäre das Stadion nicht so da gewesen, dann hätten Fulham vermutlich nicht die Beine gezittert. Bei aller Freude über den Sieg, den man auch zurecht feiern soll und muss, sind die Fehler in der Abwehr nicht wegzudiskutieren. Was Joe Gomez bei der Flanke vor dem 3:2 macht, ist reines Alibiverteidigen. Und auch Kostas Tsimikas darf sich in der Mitte im Kopfballduell gegen den 1,70 m großen Cordova-Reid nicht so abkochen lassen. Auch wenn ich keine Torwartdiskussion aufmachen möchte, wirkte Alisson-Vertreter Kelleher bei allen drei Gegentoren mehr als unglücklich. Zwischen der Bewertung dieses Spiels liegen Welten. Hätte man bei einem Punktverlust vermutlich wieder über die Chancenauswertung von Núñez gesprochen, feiert man Alexander-Arnold nun – zurecht – als Symbol des Vereins. Das ist viel hätte, wenn und aber. Schluss endlich stehen drei Punkte mehr auf dem Konto als vorher. Fußball ist eben ein zweischneidiges Schwert, zwischen Himmelhoch Jauchzend und Tränen liegt oftmals nicht viel. Manchmal eben auch nur 1 min und 21 sek.

Geschrieben von Sönke Othersen | Artikelbild: XXX via Getty Images